Wir fordern die Sanierung der Landesstraße 289!

Wir fordern die Sanierung der Landesstraße 289!

Die Bürgermeister der Stadt- und Verbandsgemeinde Wissen (Berno Neuhoff), Birken-Honigsessen (Hubert Wagner) und Selbach (Matthias Grohs) fordern in einem offenen Brief an den rheinland-pfälzischen Verkehrsminister Dr. Volker Wissing eine zügige Sanierung der Landesstraßen 278 (Wissen-Morsbach) und 289 (Selbach/Brunken-Wissen).

Die Ortsgemeinde Selbach lädt alle interessierten Bürgerinnen und Bürger zu einer öffentlichen Sitzung des Bau- und Liegenschaftsausschusses am 10. März um 17 Uhr (Einfahrt Sportlatz Kirchseifen) ein. Das Gremium möchte sich im Rahmen einer Ortsbegehung ein Bild des aktuellen Straßenzustands machen. Auf die Einhaltung der geltenden Corona-Hygienemaßnahmen wird besonders hingewiesen.

Schon lange unzumutbar für Verkehrsteilnehmer: Die L 289 zwischen Brunken u. Wissen

Offener Brief an den Verkehrsminister vom 12.02.2021 im Wortlaut:

Sanierung der Landesstraßen L 278 und L 289 in der Verbandsgemeinde Wissen, Landkreis Altenkirchen
Pressemitteilung vom 03.02.2021 in der lokalen Ausgabe der Rhein-Zeitung

Sehr geehrter Herr Minister,

in mehreren Artikeln hat die Rhein-Zeitung in den letzten Tagen über den Zustand der Landesstraßen berichtet. Unsere Landesstraßen L 278 (von Wissen bis zur Landesgrenze NRW) und L 289 (Wissen – Kirchseifen bis Selbach-Brunken) finden darin einen nicht unerheblichen, aber zutiefst unrühmlichen Schwerpunkt und werden als die „schlimmsten Holperpisten im Kreis“ bezeichnet. Bereits bei der letzten Zustandserfassung und -bewertung (ZEB) 2017 galten diese über weite Streckenabschnitte als „besonders marode“. Seitdem verzeichnen wir auf beiden Straßen (Ausnahme Siegbrücke) keinerlei konkrete Maßnahmen Ihrer nachgeordneten Dienststellen zur Verbesserung der Situation, im Gegenteil: Die Fahrbahnen befinden sich in einem derart schlechten Zustand, dass man teilweise geneigt ist, parallel verlaufende Forstwirtschaftswege zu befahren, wären diese denn für den öffentlichen Verkehr freigegeben. Zahlreiche Bemühungen der letzten Jahre seitens der lokalen Politik und der Bürger (Schreiben an Landtagsabgeordnete, zwei daraufhin verfasste Kleine Anfragen an die Landesregierung, Protestbriefe von Bürgern etc.) erzielten keine Wirkung bei den Entscheidungsträgern.

1. L 289

Die L 289 führt durch die Ortsgemeinde Selbach (Sieg) in den Ortsteilen Brunken und  Kirchseifen zur Stadt Wissen. Die L 289 wurde in den vergangenen Jahren im Westerwaldkreis aufwändig ausgebaut und saniert. Diese Maßnahmen fanden ihren Abschluss exakt an der Kreisgrenze WW-AK, die mit der Gemarkungsgrenze Selbach (Sieg) identisch ist. Ab hier ist die L289 in einem desolaten Zustand, die Verkehrssicherung ist fast im gesamten Verlauf bis nach Wissen schon lange nicht mehr gewährleistet, auch wenn Sie dies, Herr Minister, in Ihrer Antwort zur Kleinen Anfrage v. 09.07.2019 (Drucksache 17/9453) behaupten. Sollten Sie die Strecke selbst einmal fahren, kämen Sie zum selben Ergebnis wie wir! Unzählige tiefe und großflächige Schlaglöcher und nicht vorhandene Banketten belegen dies. Selbst die Tragschicht ist stellenweise massiv angegriffen.

Die L289 muss dringend grundlegend und umfassend saniert werden, eine weitere Aufschiebung der Maßnahme wäre unzumutbar für die Verkehrsteilnehmer und Anwohner, zumal die Straße eine wichtige Verkehrsader im Wisserland und über die beiden Kreisgrenzen hinweg darstellt. Der ehemalige Landrat des Kreises Altenkirchen, Herr Michael Lieber, hat mit Schreiben vom 07.08.2019, den LBM in Koblenz „dringend darum gebeten“, entsprechende Haushaltsmittel bereitzustellen. Vergebens.

Dass der Streckenabschnitt nicht in das aktuelle Bauprogramm bzw. in den Investitionsplan (IP) bis 2023 aufgenommen wurde, entbehrt nicht nur jeglicher fachlicher Logik und dem Grundsatz der Gleichbehandlung (weniger marode Straßen im Land werden in den IP aufgenommen), sondern ist aus unserer Sicht auch eine Verhöhnung aller Bürger, die sich in den letzten zehn Jahren für eine Verbesserung der Situation engagiert haben.

Baudirektor Lutz Nink (LBM Diez) erklärte im August 2020 uns gegenüber, dass die Projektanmeldung zur L 289 angestoßen worden sei. Doch, sehr geehrter Herr Dr. Wissing, davon wird die Straße nicht besser, realistischer Weise wäre mit einem Ausbau in den nächsten 5 Jahren nicht zu rechnen, würde man diesen quälend langsamen Prozess nicht sofort beschleunigen.

2. L278

Hier lesen wir in der Rhein-Zeitung vom 03.02.2021 dass der Ausbau der Holperpiste Wissen – Morsbach auf Eis gelegt ist. Hierüber wir schon sehr erstaunt. Die L 278 ist die Hauptmagistrale zur Autobahn A 4. Speditionen aus dem Wisserland, große Modulraumhersteller, die größten Arbeitgeber der Region und tausende Pendler nutzen diese Straße. Für die Wirtschaft und die Pendler ist diese Straße von immenser Bedeutung. Des Weiteren hat die genannte Pressemitteilung vom 03.02.2021 in der Bevölkerung der Verbandsgemeinde Wissen und auch in der Kommunalpolitik enttäuschte Reaktionen hervorgerufen. Besonders die gewählte Formulierung, wonach sich die genannten Verkehrsanlagen noch in einem verkehrssicheren Zustand befänden, suggeriert die Auffassung, dass ein Ausbauerfordernis erst dann besteht, wenn ein solcher Zustand nicht mehr gegeben ist. Diese Aussage führt meines Erachtens zu keiner allgemeinen Akzeptanz.

Als Folge von den enttäuschten Hoffnungen, die hier genommen wurden, ist die Bevölkerung, als auch die Kommunalpolitik bereit, nachhaltig für ihr Anliegen einzustehen und notfalls auch für den Ausbau zu demonstrieren.

Um kurzfristig auf weitere Anfragen reagieren zu können, bitten wir Sie höflichst um Mitteilung zum aktuellen Planungsstand der im Bereich der Verbandsgemeinde Wissen befindlichen Landesstraßen und um Angaben zu einer Zeitschiene, wann mit einem Ausbau derer – zumindest in Teilbereichen – gerechnet werden kann. Gemeinsam mit der Bevölkerung werden wir konkrete Maßnahmen überlegen, wie wir unseren Protest zum Ausdruck bringen, denn eine weitere Vertröstung schlägt sonst in Wut um und das Vertrauen in die Politik geht dann gänzlich verloren. Lassen wir es nicht soweit kommen!

Eine Durchschrift dieses Briefes übersenden wir der Abgeordneten des deutschen Bundestages Sandra Weser (FDP) zur Kenntnis und mit der Bitte um Unterstützung und freuen uns auf ihre Antwort.

Mit freundlichen Grüßen

Berno Neuhoff                                                                        
Bürgermeister der Stadt-und Verbandsgemeinde Wissen              

Hubert Wagner
Ortsbürgermeister Birken-Honigsessen

Matthias Grohs
Ortsbürgermeister Selbach (Sieg)        

Doch ken Schläh jekrischt

Doch ken Schläh jekrischt

Anekdötchen of Platt

Die Serie „Anekdötchen of Platt“ behandelt in loser Abfolge kleine, meist humorvolle, Geschichten aus vergangener Zeit, geschrieben von Selbacher Bürgern in Selbacher Dialekt. Dialekt ist kein Zeichen mangelnder Bildung oder Rückwärtsgewandtheit, sondern er schafft Identität und ist Kulturbestandteil. Wir wollen unsere eigene Sprache nicht verlernen: Geben wir sie an unsere Kinder weiter, sprechen wir sie!

In der folgenden Anekdote geht es um zwei Lausbuben, deren Streit anschließend vor der Schulklasse und dem Lehrer als „Richter“ verhandelt wurde. Ein Einblick in den Schulalltag vor 150 Jahren, der ein ganz anderer war als heute.

von Wilhelm Schmidt, um 1890

Selbacher Schüler mit ihrem Lehrer Eduard Groß, Aufnahme von 1910, ein Jahr nach Eröffnung der neuen Schule „In den Hainbuchen“ in der Schulstraße.

Da Bertes Martin on da Piertersch Wilhelm hatten sesch em Dorf jezänkt. On du gingen se menaner bower Rursebouersch her üwer`d Bröckelschen on woarn sesch onjefähr enisch.
Awer wi da Piertersch Wilhelm de Hardt rofging, on da Martin langst de ahl Schurl ronner, du sochen se sesch werrer üwer Kürten Hous.
Du fong da Martin widder an ze schännen: „Dicker Pierter!“ Du sah da Piertersch Wilhelm: „Wenn de jetz det Moul net hältst, dann schmejsen esch da en Sten an dern dicken Kopp.“
Awer da Martin woar net röisch, on da Wilhelm wur bürs, krisch sesch en Sten on schmess.
Der Martin lef on stoch dern Kopp en Kürtens lebendije Gartenhäh. On jenau doa fehl der Sten hin on trof dern Martin an den Kopp. On da Martin hatte en dicken Dotz am Kopp. Dodrof lärmte da Martin, als wenn er sterwen müsste on ref: „Dat würt da Lehrer jewahr.“

Da Wilhelm, der ging no hem on hatte schwere Jewissensbisse. Her os dern Owend nex, on wie seng Vadder von da Arwet kom, do meld’en seng Modder krank: „Da Wilhelm es krank, er hätt nex jegäsen.“ „Wat sall derm dann fählen“, sah seng Vadder, „er woar doch gestern noch jesond?“
Dern annern Morjen, en aller Herrgottsfröh, woar da Wilhelm alt ofjestann, grad dermnoh, wie seng Vadder noh Arwet woar. „Wat wullst du dann alt?“, frocht’n seng Modder. On du läschte er seng Anliejen senger Modder warm an et Herz: „Esch han derm Bertes Martin mem Sten en Dotz an dern Kopp jeschmessen. Der wull et derm Lehrer san on esch kräijen Schläh dern Morjen.“
Seng Modder gow em dern Roat: „Döh dir’n Pappdeckel hängen en de Botze.“ Der Wilhelm sah: „Näh, dat kann esch net, dat knallt ze arisch, dann kreijen esch a noch mi.“ „Na ja“, sah seng Modder, „dann dön esch da zwei Botzen ahn.“ Got, domet woar er zefrinn.

Jetz ging et en de Schurl, et wur jebert, on domet zeischte da Martin alt of, su huh, wie er kunn. Der ahl Lehrer frochte: „Was gibt’s?“ Da Martin leschte loss: „Wilhelm Schmidt hat mich mit einem Stein jeschmissen. Ich hatte einen dicken Dutz bei Kürten Häh.“

Selbacher Lausbuben anno 1890.
Obere Reihe: Peter Märzhäuser (Hannespitersch Peter), Wilhelm Schmidt (Rurns Wilhelm), Peter Heckenbücker (Hamen Peter).
Untere Reihe: Franz Schmidt (Benades Franz), August Heckenbücker (Hamen August).

Dat gow en schweren Krach en de Schurl, hoptsächlich die Fensdorfer kunnten sesch für Laachen net halen. Der ahl Lehrer sah: „So. Dass ihr euch nicht nur mit den Fensdorfern mit Steinen werft, nun bewerft ihr Selbacher euch auch noch untereinander mit Steinen. Klöckner und Schmidt, kommt mal raus! Schmidt, du warst ja der Übeltäter, wie war das?“ „Der Martin, der hat mich geschimpft.“ „Ja, wie hat der denn geschimpft?“ „Dicker Pierter. – Und ich habe ihn gewarnt. Dann habe ich den Stein geworfen. Aber der Stein hätte ihn nicht getroffen, wenn er da, wo er stand, stehenjeblieben wäre. Er ist aber genau dahin jelaufen, wo der Stein niederkam: In die Kürten Häh.“
Do frochte da Lehrer dern Martin: „War das so?“
Bedröppelt sah du der Martin: „Joa.“
Du sah da Lehrer: „Dann seid ihr ja quitt.“

Da Wilhelm kom dern Medach noh hem. „Na“, sah seng Modder, „wat hätt et jegerwen?“
Da Wilhelm woar enttäuscht on sahte: „Wat et jegerwen hätt? Nex! Esch han gestern Owend nex jegäsen, de Näscht net jeschlofen, zwo Botzen anjedohn – on doch ken Schläh jekrischt.“

Bachlehrpfad Selbach – Natur erleben und verstehen

Bachlehrpfad Selbach – Natur erleben und verstehen

Der etwa fünf Kilometer lange Selbacher Bachlehrpfad ist zugleich eine wunderschöne Wanderstrecke durch das Selbachtal. Der Pfad beginnt oberhalb der Ortschaft Selbach und erstreckt sich entlang des Oberlaufs durch eine abwechslungsreiche Landschaft bis zur Quelle „Stöckewiese“. Auf dem Weg erhält man durch die aufgestellten Lehrtafeln einen interessanten Einblick in den Naturraum „Selbachtal“. Hier erfährt man Wissenswertes rund um die heimische Tier- und Pflanzenwelt. Wer aufmerksam den Weg geht, kann daneben aber auch selbst viele interessante Entdeckungen im und am Bach sowie entlang des Weges machen. Und mit ein bisschen Glück erblickt man vielleicht sogar einen Eisvogel – das Symboltier des Bachlehrpfades.

Der Weg startet entweder am Wanderparkplatz (Ortsmitte) in der Hauptstraße (Zuwegung ist gelb markiert) oder unmittelbar in der Wiesenstraße. Von da an folgt man der Markierung (weißes „S“ auf braunem Grund). Der Weg kann ganzjährig begangenen werden und hat zu jeder Jahreszeit einen eigenen Charme. Allerdings sollte auf festes Schuhwerk geachtet werden.

Der Bachlehrpfad steht unter ehrenamtlicher „Obhut“ der Wegepatin Nicole Mylau-Leyendecker, die per Mail unter bachlehrpfad_selbach@gmx.de erreichbar ist.

Wir wünschen viel Spaß und Freude beim Entdecken des Bachlehrpfades!

GPX-Daten können hier abgerufen werden: https://www.outdooractive.com/de/route/themenweg/westerwald/bachlehrpfad-selbach/44998835

Der Bachlehrpfad bei Komoot: https://www.komoot.de/tour/278116545

Fotos auf Instagram: https://www.instagram.com/bachlehrpfad_selbach/

Meiner Heimat

Blick ins Selbachtal

Heimatgedicht

von Pater Dr. Bernhard Rötter, um 1900

Selbach mit Blick auf die St. Anna Kirche

Oh Selbach, du mein liebster Ort,
in ländlich schöner Zier,
wenn ich dich seh im Tale dort,
dann lacht das Herz in mir.
Wie schön bist du auch eingefasst
von Wald und Wiesenkranz,
die Berge mit der Früchte Last
sind Gottes Segen ganz.

Fünf Wasserbäche mühen sich,
zu schaffen dir das Brot,
es macht so stark und kräftig dich
und färbt die Wangen rot.
Des Bodens Schätze sind dir noch
bis jetzt wohl unbekannt,
trotzdem gehört ein Gut dir doch,
das Frohsinn wird genannt.

Sein munter Zeichen kann man schon
auf jeder Stirne sehn,
ein lustig Wort schwebt froh davon,
will man ihm Rede stehn.
Doch eines aber macht Dich mir
vor allen Orten wert,
mein Kinderhimmel wölbt sich hier
auf meines Vaters Herd.

Und unter der Geschwister Stern
ein Sonnenglanz so mild,
der leuchtet mir selbst in der Fern
als meiner Eltern Bild.
Des Vaters Licht bestrahlte ja
mir schon die Kinderzeit,
der Mutter Liebe wärmt mich da
selbst aus der Ewigkeit.

In diesem Licht erglänzet schier
das Dorf im Talesgrund,
drum ist auch mein Gedenken hier
und sprech zu jeder Stund:
Oh Selbach, du mein liebster Ort,
in ländlich schöner Zier,
wenn ich dich seh im Tale dort,
dann jauchzt das Herz in mir.

Der Hauberg: Ein Selbacher Kulturgut besonderer Güte

Der Hauberg: Ein Selbacher Kulturgut besonderer Güte

Wie das Erbe der Kelten weiterentwickelt und bis ins dritte Jahrtausend getragen wurde

Selbach ist waldreich. Mehr als die Hälfte der Gemarkung ist mit Bäumen bestockt. Siebzig Prozent (144 Hektar) des Waldes liegt im Besitz von fünf altrechtlichen Waldgenossenschaften und etwa 100 Selbacher Familien sind Mitglieder einer solchen Vereinigung (vgl. Tabelle 1). Diese Fakten machen das Dorf heute zu einer Einzigartigkeit im Haubergwesen des nördlichen Westerwaldes.

Der Hauberg als Sockelwirtschaft für den Bergbau

Erstmalig ist der Name Hauberg bzw. „Hau“ in einer Urkunde 1423 in Freudenberg im Siegerland erwähnt.[1] Seine Ursprünge liegen dagegen in keltischer Zeit und sind untrennbar mit dem Bergbau verbunden. Vor rund 2.500 Jahren, in der „La-Tène-Zeit“, betrieben unsere Ureinwohner primitive „Rennöfen“, um die Erze, welche sie im Tage- und Untertagebau bargen, zu verhütten. Verschiedene Indizien wie Schlackereste und Geländeaufrisse lassen vermuten, dass sie dieser Tätigkeit auch an den Hängen des Selbachs und seiner Nebenbäche nachgingen. Die Öfen wurden mit Holzkohle beschickt, um die nötige Hitze zur Eisenschmelze zu erzeugen. Der Wald lieferte dafür den Urrohstoff. Um eine bestimmte Menge an Erz zu verhütten, war die zwölffache Menge an Holz nötig.[2]

Der Holzbedarf war also enorm und die Kelten bemerkten recht schnell, dass dieser aus den lokalen Wäldern nicht gedeckt werden konnte – es sei denn, man änderte die Bewirtschaftungsweise. Und so entwickelten die Frühsiedler die Niederwaldbewirtschaftung und leiteten mit ihr den Beginn der Waldeinteilung bzw. Altersklassengliederung ein. Großflächige Rodungen wurden unterlassen und der Kleinflächenkahlschlag mit stockausschlagfähigen Baumarten wie Eiche und Birke sukzessive eingeführt. Auf diese Weise standen in einem Turnus zwischen 5 und 21 Jahren dünne Holzstangen für die Kohleproduktion zur Verfügung.[3]

Der Niederwald ist damit die erste künstliche Form des Waldbaus. Das heutzutage von vielen Branchen gern zitierte Prinzip der Nachhaltigkeit war geboren.

Genossen (G)- / Interessentenschaft (I)Anzahl der AnteilseignerFlächengröße
Erben-Eichenhahn (G)   25    46,2 ha
Kleefeld (G)   18    16,6 ha
Mühlenhardt (G)   22      3,7 ha
28er (I)   26    54,0 ha
20er (I)   20    23,8 ha
GESAMT: 111  144,3 ha
Tabelle 1:   Mitgliederzahlen und Flächengrößen der Selbacher Gemeinschaftswälder, Stand: 2007


Unter den Germanen und insbesondere im Mittelalter stieg die Nachfrage nach Haubergholz stetig. Vor allem die Kriegsindustrie gierte nach Eisen. Aber auch Bauholz für die wachsende Bevölkerung und Grubenholz wurden in den Haubergen in gewaltigen Mengen eingeschlagen. Im 15. Jahrhundert waren sie schließlich ausgeplündert. Als Reaktion darauf wurden verschiedene Wald- und Haubergordnungen bis ins 18. Jahrhundert von den Herrschaftshäusern derer von Sayn und Nassau erlassen – doch allesamt ohne positiven Einfluss auf das Waldwachstum. Überall wurde Holz benötigt: Bei Stadtgründungen, Schiffsbauten, im Bergbau, in Salinen, Glasmanufakturen und nicht zuletzt für den Bau und Unterhalt von Burgen und Schlössern, so auch für die Residenz des Grafen HATZFELDT in Schönstein. Das Bevölkerungsmaximum im Westerwald sowie der höchste absolute Viehbestand waren im 16. Jahrhundert erreicht.[4] Die Ausbeutung der Waldungen gipfelte gut hundert Jahre später in einem drastischen Holzdefizit in ganz Europa. Das Angebot an Holzkohle war dürftig und somit erfuhr die Eisenproduktion starke Ausfälle.

Mit dem Bau der Ruhr-Sieg-Eisenbahn 1861 veränderte sich fast schlagartig das Bergbauwesen im nördlichen Westerwald. Die Ruhrkohle verdrängte die heimische Holzkohle endgültig. Das Ende der Köhlereien ging damit einher und die „Haubergkohle“ verlor plötzlich ihre Bedeutung.

Produktvielfalt Hauberg

Neben Holzkohle gab der heimische Niederwald (vgl. Abbildung 1) eine Fülle von anderen Produkten her. Der Nutzungszyklus des typischen (historischen) Haubergs, wie er auch in Selbach Jahrhunderte lang betrieben wurde, stellt sich wie folgt dar: An den noch stehenden etwa 15- bis 30-jährigen Eichenstämmen wurde die Rinde mit speziellen Werkzeugen (Lohlöffel und Ritzer)  in der Zeit des Saftsteigens abgeschält. Die Lohe, also der Gerbstoff der Eichenrinde, war Grundlage für die Lederherstellung. Lohmühlen und Gerbereien gab es zu Hunderten in der Region. Man ermittelte das Gewicht der Rinde mit einer Lohwaage, die in der Dorfmitte am „Zimmerplatz“ stand. Der Handel mit der Lohe war lange Zeit eine wichtige Erwerbsquelle für die arme Dorfbevölkerung. Er erreichte seinen Höhepunkt um 1850, danach verdrängten Billiggerbstoffe aus dem Ausland die Eichenrinde. In Selbach wurde die Lohegewinnung 1948 eingestellt.[5] 

Das Eichenholz wurde in umliegenden Meilern verkohlt bzw. von den Selbachern für den Hausbrand genutzt. Den Boden grub man danach um und die verbliebenen Gräser und Streu verbrannte man vor Ort. Die Asche fungierte als Dünger für den einjährigen Buchweizen- oder Roggenanbau. In Selbach erntete man 1948 das letzte Mal Hauberggetreide.[6] Weitere zwei Jahre trieb man Vieh (in Selbach tat man dies bis Ende der 1950er Jahre) auf die mittlerweile vergrasten Weiden. In der Folge wurde die Beweidung nach und nach eingestellt, so dass sich ein neuer Baumbestand entwickeln konnte. Der Kreislauf begann von Neuem.

Abbildung 1: Blick von der Mühlenhardt auf Selbach 1960, im Vordergrund ein „frischer“ Haubergschlag, Foto: B.Osinski.

Weitere Erzeugnisse:

  • Reisiggebinde („Schanzen“) für den Gemeinschaftsbackofen („Backes“).
  • Ginster als Stallstreu, Viehfutter, Färbmittel für Textilien und Isolierung an Hauswänden sowie für die Besenherstellung. Im Jahre 1937 war eine Berliner Naturfaserfabrik interessiert an einer größeren Abnahme Besenginsters aus den Hauberggenossenschaften Mühlenhardt/Kleefeld. Hier blieb es wahrscheinlich nur bei der Anfrage.[7]
  • Stroh als Dachdeckmaterial
  • Weidenheger als Rohstoff für Flechtprodukte wie Körbe.

Wilhelminische Gesetze als Grundlage für das Handeln der Haubergleute

„Hier her, hau her!“, so schallte es über Generationen hinweg auf den Höhen und Hängen rund ums Dorf. Die Brennholzerzeugung hat als einziges von rund zehn Produkten des Haubergs überlebt. Die Organisation des Brennholzeinschlags obliegt den Hauberggenossenschaften und Waldinteressentenschaften. Die gemeinsamen Besitzer der hiesigen Wälder, die jeweils einen ideellen Anteil am unteilbaren Gesamteigentum haben und ihn genossenschaftlich bewirtschaften, bezeichnet man als so genannte „Eigentumsgenossenschaften“ nach altdeutschem Recht. Sowohl Hauberggenossenschaften als auch Waldinteressentenschaften lassen sich unter dem Begriff „Waldgenossenschaften“ zusammenfassen.

Das „Gesetz über gemeinschaftliche Holzungen“ von 1881 regelt die Bewirtschaftung und Verwaltung der Interessentenschaften; die „Haubergordnung für den Landkreis Altenkirchen“ von 1890 stellt das Pendant für die Hauberggenossenschaften dar. Beide Regelwerke gelten heute noch und sind im Zusammenhang mit dem im Jahre 2000 verabschiedeten Landeswaldgesetz von Rheinland-Pfalz anzuwenden. Nach Letzterem sind die beiden altrechtlichen Körperschaftsformen Privatwälder. Während Hauberggenossenschaften nach heutiger Rechtsprechung als Körperschaften des öffentlichen Rechts gelten, trifft dies für Waldinteressentenschaften hingegen nicht zu.[8]

Die Entstehung beider Körperschaften liegt in den alten markgenossenschaftlichen germanischen Wäldern aus dem 12. Jahrhundert und früher. Im Laufe der Jahrhunderte änderten sich bisweilen die eigentumsrechtlichen Verhältnisse mehrmals. Die meist unter Lehensherrschaft (des Hauses Hatzfeldt und anderer) gestandenen privaten Wälder der Dorfbevölkerung wurden nach und nach vom Lehensherrn vereinnahmt. Im Unterschied zu den Hauberggenossenschaften, welche ihr Eigentum am Wald fortlaufend bewahrt haben, standen den Mitgliedern der Interessentenschaften nach den Markwaldteilungen lediglich die bisherigen Nutzungsrechte zu.[9] Die Interessentenwälder galten als abgabepflichtig. Mitte des 18. Jahrhunderts aber setzten die für bestimmte Dorfgebiete Selbachs zuständigen Grafen von Sayn-Altenkirchen und Sayn-Hachenburg neue Abgaberegeln fest. Die Aristokraten bewiesen damals Kulanz, indem sie ihr alleiniges Besitztum (wieder) aufgaben und den Nutzungsberechtigten Teilhaberrechte einräumten. Dieser Vorgang ist beispiellos in Deutschland und folglich findet man außerhalb der Altenkirchener Kreisgrenzen keine Waldinteressentenschaften.[10]

Die zahlreichen vorpreußischen Territorialgewalten, welche zu gleicher Zeit in unterschiedlichen Gebieten des Dorfes herrschten, ließen eine außergewöhnliche Situation auf den gemeinschaftlichen Waldflächen der Gemarkung Selbach entstehen. So mussten diese über Jahrhunderte hinweg auf der Basis unterschiedlicher Gesetze, je nach Obrigkeit, bewirtschaftet werden.

Es gibt in Selbach zwei Waldinteressentenschaften: Die „Berechtigten am Selbacher Fronwald“ (=„20er“) – erstmals 1880 urkundlich erwähnt – und die „Gemeindewaldberechtigten zu Selbach“ (= „28er“). Sie führen seit 1978 ein gemeinsames Statut und wählen seitdem einen bündnisübergreifenden Vorstand.

Die lapidaren Namensbezeichnungen rühren von der Anzahl der Anteilseigner her, wobei die „28er“ durch Rückkauf von Anteilen vor wenigen Jahren aus nunmehr noch 26 Miteigentümern bestehen. Dadurch sind die jeweiligen Anteile der verbliebenen Eigner gestiegen.

Der ursprüngliche und richtige Name der „28er“ lautet „Gemeindewaldberechtigte zu Selbach“. Die eigentliche Bezeichnung der „20er“ ist „Berechtigte am Selbacher Fronwald“. Dies offenbart, dass die Waldungen der „20er“ -Waldinteressenten in früherer Zeit der landes- und grundherrschaftlichen Obrigkeit unterstanden und ihre Nutzer abgabepflichtig waren.

Abbildung 2: „Gemeenshorn“, Foto: M.Grohs.

Über den zeitlichen Ursprung der Selbacher Hauberggenossenschaften ist nur wenig bekannt. Bis vor einigen Jahren bestand das mittlerweile verschollene Kassenbuch der Genossenschaft „Erben-Eichenhahn“ aus dem Jahr 1900. Aber wie bei den Interessentenschaften muss man davon ausgehen, dass auch die Genossenschaften, zumindest eine von ihnen, schon viele Jahrhunderte vorhanden waren.

Die Genossenschaften „Mühlenhardt“ und „Kleefeld“ haben seit langer Zeit einen gemeinsamen Vorstand. Er war laut Aussage des ehemaligen Waldvorstehers HERMANN VOR aus Fensdorf schon zu Amtszeiten des Vorstehers und Selbacher Bürgermeisters ANTON KLEIN, also Anfang des 20. Jh., in Funktion. Viele Bürger aus der Nachbargemeinde Fensdorf haben Anteile bei „Kleefeld“.

Wie oben skizziert, haben die beiden Waldbesitzarten zwar unterschiedliche geschichtliche Werdegänge durchlaufen und sind juristisch geringfügig different. Die Mitglieder haben in der fernen Vergangenheit ihren jeweiligen Forst aber auf dieselbe Art und Weise bewirtschaftet und tun dies heute noch in Form der Brennholzerzeugung.

In komplizierten Messverfahren werden alljährlich die ideellen Hektaranteile der Eigner auf die aktuelle Gesamtschlagfläche heruntergebrochen und die jeweiligen Schläge mit Messlatten oder Maßbändern ermittelt und mit Holzpflöcken („Pöhlchen“) abgesteckt. Die Prozeduren sind über Generationen hinweg weitergegeben worden und variieren zwischen den einzelnen Waldgenossenschaften.

Bis Mitte der 1950er Jahre war es bei den Interessentenschaften üblich, zur Waldbegehung mit dem „Gemeenshorn“, einem alten Rinderhorn, (vgl. Abbildung 2) zu rufen.

Die „Preußenfichte“ verabschiedet sich, Renaissance des Niederwaldes?!

Eine andere Betriebsart beschert heute insbesondere den Waldinteressentenschaften für ihre Verhältnisse beträchtliche Einnahmen: Der Fichtenhochwald, der ab 1880 im Kreis Altenkirchen in großem Stil von preußischen Forstbeamten kultiviert wurde.[11] In Selbach sind etwa 30 % der Haubergflächen mit Fichten bestockt, wobei der Anteil des „Brotbaumes“ in den letzten zwanzig Jahren erheblich abnimmt. Gründe hierfür liegen in den klimatischen Veränderungen, welche sich in Form von vermehrten Orkanen, extremen Trockenperioden und einhergehendem massivem Schädlingsbefall bemerkbar machen.

Der Anteil des Niederwaldes am gesamten Selbacher Haubergwald liegt derzeit bei etwa 50 %. Auch er ist im „Rückzug“ begriffen, was jedoch ausschließlich forstfachliche Gründe hat. Staatliche Revierförster betreuen die privaten Haubergwälder und beraten ihre Eigentümer bei forstlichen Entscheidungen. Hier ist in den letzten Jahren zunehmend festzustellen, dass der Niederwald zu einem Hochwald wachsen soll. Das Betriebsziel ist inzwischen in einigen Beständen nicht mehr nur Brennholz, sondern auch Säge-/Bauholz, ja sogar Wertholz.

Es ist zu wünschen, dass bei diesen waldbaulichen Entwicklungen nicht nur ökologische und ökonomische Aspekte eine Rolle spielen, sondern auch der zugegebenermaßen eher abstrakten, aber wichtigen (sozio-)kulturellen Dimension Rechnung getragen wird und der Niederwald nicht als prägendes Landschaftselement unserer Heimat verschwindet. Die verstärkte Nachfrage nach Brennholz könnte ein wenig Brisanz aus dieser Diskussion nehmen und zumindest auf bestimmten Standorten wieder hin zum klassischen Kleinflächenkahlschlag bei kurzen Umtrieben führen.

Abbildung 3: Brennholz auf dem „Eichenhahn“, Foto: M.Grohs.

Neben Hammer und Schlegel für den Bergbau zieren die Symbole des Haubergs das Selbacher Ortswappen: Lohlöffel und Ritzer. Sie spiegeln die historische Bedeutung des Haubergs für unser Dorf wider. Darüber hinaus sollen sie aber auch daran erinnern, dass der Hauberg nach wie vor ein fester Bestandteil der Selbacher Kultur ist: Das „Brennholz-Machen“ bestimmt zu jeder Jahreszeit die Freizeitgestaltung des stolzen Anteilseigners. Waldbegehungen und Versammlungen der Waldgenossenschaften dienen der Pflege des Gemeinsinns und allgemein des traditionellen Haubergwesens. Der „niedere Wald“ mit seinen charakteristischen Elementen wie den Haubergwegen (vgl. Abbildung 3) ist, wie oben bereits bemerkt, landschaftsprägend und birgt großes Erholungspotential. Des Weiteren sprechen ökologische Gründe für den Fortbestand der Haubergbewirtschaftung, denn viele Pflanzen und Tiere haben sich an die speziellen Lebensbedingungen angepasst.

Daher gilt es, diese uralte Bewirtschaftungsform verantwortungsvoll durch das 21. Jahrhundert zu tragen. Begreifen wir unsere „Hecke“ als großartiges Erbe, welches unseren Vorfahren als unverzichtbare Lebensgrundlage diente.

Verfasser: Matthias Grohs (Nov. 2010, überarbeitet Okt. 2012)


[1] vgl. LERNER (1993): Hauberggenossenschaften im Kreis Altenkirchen, S. 14.

[2] vgl. HASEL; SCHWARTZ (2006): Forstgeschichte, S. 212. 

[3] vgl. HASEL; SCHWARTZ (2006): ebenda.

[4] vgl. HÄBEL (1980): Die Kulturlandschaft auf der Basalthochfläche des Westerwaldes, S. 87. 

[5] vgl. OSINSKI: Selbacher Heimatbuch (1988), S. 145.

[6] vgl. ebenda, S. 143.

[7] vgl. Hauberggenossenschaften „Mühlenhardt/ Kleefeld“: Unterlagen.

[8] Landesministerium für Umwelt, Forsten und Verbraucherschutz Rheinland-Pfalz: Informationen  

  über die rechtliche Natur der Gemeinschaftswälder. (via elektronische Post) Mainz, 2007.

[9] vgl. HASEL; SCHWARTZ (2006): Forstgeschichte, S. 114. 

[10] vgl. HABBEL (1986): Die Entstehung der Waldinteressentenschaften im Kreis Altenkirchen, S. 84 ff. 

[11] vgl. LERNER (1993): Hauberggenossenschaften im Kreis Altenkirchen, S. 38. 

Wenn der Karneval in Selbach beginnt

Karneval

Heimatlied

Verfasser unbekannt

Dort, wo im Tale das Bächelein rauscht,
wo in den Zweigen klingt der Vögelein Chor,
wo man der Nachtigall im Walde lauscht,
flüstert es leise von Ohr zu Ohr:
„Wenn der Karneval in Selbach beginnt,
dann such dir geschwind ein heimisches Kind,
Buben und Mädel sind allzeit bereit
zu lachen, zu scherzen zur Karnevalszeit.“

Frohe Jugend kommt zum Stelldichein
mitten im Dorfe auf der alten Brenn,
hier trifft sich immer Groß und Klein,
flüstert, wie sollte es anders sein:
„Wenn der Karneval in Selbach beginnt,
dann…“

Die Muckeshardt mit ihren dunklen Tann`n,
die Kolertz-Hähn lädt zum Spaziergang ein,
die schöne Aussicht, die hält uns gefang`n
und überall singt dann Groß und Klein:
„Wenn der Karneval in Selbach beginnt,
dann…“

Und kommt der Herbst in unser stilles Tal,
dann fängt überall der Hondtag an,
bei Skat und Waffeln hört man überall
die Melodie von Mann zu Mann:
„Wenn der Karneval in Selbach beginnt,
dann…“